Wenn das Grundwort fehlt

Durch das Fehlen eines Grundwortes zeichnen sich die genitivischen Siedlungsnamen{18} aus, die im Untersuchungsgebiet vor 1200 in 102 Fällen{19} belegt sind. Die Orte werden dabei in der Regel durch einen stark flektierten Personennamen im Genitiv benannt{20}.

Das fehlende Grundwort hat zu der landläufigen Ansicht geführt, es handele sich bei diesen Siedlungsnamen um eine elliptische Form - ein übliches Grundwort sei hier zu ergänzen. Noch SCHWARZ (DNF Bd.1, §49, S.162f) bekräftigte diese Meinung. Als Kronzeugen gelten dafür einzelne genitivische Namen, für die neben dem PN im Genitiv auch eine vermutliche Vollform des Typs PN im Genitiv + typisches Grundwort überliefert ist.

Ganze vier Namen weisen bis 1200 in der Überlieferung für Hessen ein Grundwort auf. Es sind Burkhards (-rode), Mottgers (-dorf), Sterbfritz (-hausen) und +Weilands (-fang). Während -rode als Ergänzung einer späten Urkundenbearbeitung gelten kann, lät sich an der Authentizität der anderen drei wohl kaum zweifeln. Dennoch lät sich schwerlich der Schluß ziehen, daß die genitivischen Siedlungsnamen in ihrer Mehrzahl in Hessen einst vorhandene Grundwörter verloren haben{21}.

Vielmehr drängt sich der Eindruck auf, daß von Anfang an die genitivische Form die gültige Bezeichnung war. Ebendies hat LANGENBECK (1961 und 1962) mehrfach dargelegt. Er schreibt:

Vielleicht kommen wir in diesem Falle besser mit der Erklärung aus, in den Genitiv-ON spontane Schöpfungen gleich in der vorliegenden Form zu sehen, die des Umweges über eine Bildung mit einem Grundwort entbehren können. (1962, S.83)
[Und weiter:]
Die Zwei-Formen-Belege sind also keine Beweise für den Ellipsencharakter, sondern für die Expansionskraft und Volkstümlichkeit der reinen Genetiv-Namen. (1962, S.84)

BACH versuchte einen anderen Lösungsansatz. Er sah in den genitivischen Namen eine Analogie zu den Insassennamen:

In md. Gegenden haben wir bei dem historisch bezeugten Nebeneinander von Bildungen wie Burchartesrode und Burchartes sicherlich in Rechnung zu stellen, daß hier Siedlungs- und Insassennamen einander gegenüber stehen, gerade wie ursprünglich in dem Namenpaar Sigmarsheim und Sigmaringen und gerade wie in Fällen wie Sigmarsrod und ze dem Sigmars. (DNK Bd.2, §631)

Neben den stark flektierten maskulinen Personennamen treten in den genitivischen Namen schwach flektierende Namen, Appellative und drei weibliche Personennamen (*Gawirada, Tagabirga und Helidbirc zu Beginn der Überlieferung) auf.

Namen von Hörigen verwendet

Ein interessanter Ausblick auf die gesellschaftliche und wirtschaftliche Situation der Orte mit genitivischen Namen im Mittelalter erweist sich im Vergleich der Personennamen mit den fuldischen Namenslisten von Mönchen und Laien (Fulda Werk). Nicht weniger als 68 von den 86 Personennamen aus dieser Gruppe sind in den fuldischen Listen belegt. 47 Namen von diesen wiederum waren auch Namen von Hörigen. Es muß der historischen Forschung übelassen bleiben, herauszufinden, ob diese erstaunliche Übereinstimmung eine wirtschaftliche und rechtliche Grundlage hat.

Für die sprachliche Frage nach der Bedeutung der genitivischen Namen zeichnet sich daraus jedenfalls eine mögliche Erklärung für das hessische Material ab. Sie geht davon aus, daß diese spezielle Form von Siedlungsnamen der abhängigen Stellung von Hofstellen Ausdruck verleiht. Die genitivischen Namen zielen offenbar in ihrer Bedeutung auf eine Person, die in irgendeiner Weise ursächlich mit der Ortschaft verknüpft war. Diese Verknüpfung dürfte possessivisch sein, ohne daß damit hier über Besitz oder Eigentum etwas ausgesagt werden kann. Vermutlich liegt darin der eigentliche Sinn der genitivischen Namen, während es für den früheren Sprachgebrauch sekundär war, die Art dieses Besitzes näher zu definieren.

Die landschaftliche Staffelung der genitivischen Siedlungsnamen in Hessen ist stark ausgeprägt. Sie lagern sich dicht gedrängt und statistisch signifikant in der Fuldaer Senke und ihren Nachbarlandschaften (Lange, Vorder- und Kuppenrhön, Unterer Vogelsberg und Sandsteinspessart). Die Gesamtverbreitung greift im Südwesten bis zum Ronneburger Hügelland aus. Gelegentliche Vorkommen in anderen Regionen fallen demgegenüber kaum ins Gewicht.

Ersterwähnung von Namen im Genitiv bis zum Jahr 1200

8. Jh9. Jh10. Jh11. Jh12. Jh
Anzahl211122849
Wahrscheinlichkeit

des Auftretens (Z-Wert)

-3,901,51,90,8

Offenkundig zeigt die Karte (s.o.) der genitivischen Namen, daß die Orte mit fraglichen Deutungen fast ausschließlich außerhalb des Kerngebietes liegen.

Ebenso deutlich wie die räumliche ist auch die zeitliche Gliederung der genitivischen Namen. Einer außerordentlich geringen Belegdichte im achten Jahrhundert entspricht eine ungewöhnlich starke Massierung der Erstbelege Ende des elften und Ende des zwölften Jahrhunderts.

BACH (DNK Bd.2, §634) setzt die genitivischen Namen in die erste Rodeperiode des hohen Mittelalters. Die vereinzelten Belge aus dem neunten Jahrhundert ersetzen nach seiner Auffassung die inzwischen nicht mehr geläufige Bildung von Inassennamen auf - ing.


{18} Vgl. DNK (Bd.2, §§623-634); Debus (1968, S.39f); Langenbeck (1961 und 1962); Gockel (1984a, S.118; DNF (Bd.1, §49); Kaufmann (1961). (zurück zum Text)

{19} Davon sind 10 nur mit Vorsicht hierher zu stellen. (zurück zum Text)

{20} Und zwar in 78 Fällen. Acht dieser Siedlungsnamen leiten sich aus einem schwach flektierten Personennamen ab, sechs gehen als analogische Formen auf Appellative zurück. (zurück zum Text)

{21} Was Gockel (1984a, S.118) jedoch unbesehen tut. Er erklärt die genitivischen Ortsnamen im Fuldaer Raum generell als -hausen-Ellipsen. (zurück zum Text)