Viele neue Dörfer entstehen im Osten

Siedlungsnamen mit dem Grundwort ahd. mhd. -dorf 'Gehöft, Wohnstätte, geschlossene ländliche Siedlung' (DNK Bd.2, §.598f; REICHARDT 1973, S.89) gehören zu den häufigen Namen im Untersuchungsgebiet bis a.1200. Nicht weniger als 77 Orte bilden diese Gruppe. Zwei Belegorte weisen die Erweiterung des Grundgliedes auf -ingdorf{12} auf: +Brumerinchthorp (a.1008) liegt im ostsauerländer Gebirgsrand, +Bensdorf (a. 1120) befindet sich im Solling. In einem Beleg wechselt das Grundwort -dorf möglicherweise mit -heim{13}.

Die unterschiedlichen Ansichten über Bedeutung und Etymologie des Wortes Dorf hat FOERSTE (1963, S.422ff) kurz zusammengefaßt. Er schreibt:

Es stehen sich heute im wesentlichen folgende Ansichten gegenüber: Dorf ist nächstverwandt mit lat. turba und bedeutete infolgedessen zunächst 'Schar', erst sekundär 'Siedlung einer solchen'. Diese von Jacob GRIMM begründete Etymologie wurde noch 1947 von Angela LUECKMANN in einer Münsterschen Dissertation vertreten, allerdings in der Weise modifiziert, daß sie die Bedeutung 'Schar' als 'Mannring' auf 'Zaun' zurückführte. Andere Forscher verbinden das Wort mit lat. trabs 'Balken' und rechnen deshalb mit einer Bedeutungsentwicklung 'Dachbalken' > 'Haus' > 'Einzelhof' > 'Gruppensiedlung', so zuletzt 1943 und 1958 der schwedische Forscher Manne ERIKSSON. Wieder andere meinen, daß Dorf in der Bedeutung 'Schar' und 'Siedlung' überhaupt zwei ganz verschiedene, nur zufällig gleichlautende Wörter seien; in der Bedeutung 'Schar' gehöre es zu lat. turba, in der Bedeutung 'Siedlung' zu lat. trabs; so zu lesen in der letzten großen Untersuchung über das Wort Dorf von dem Schweden Lars HELLBERG und in Alexander JóHANNESSONS Isländischem etymologischen Wörterbuch von 1956.(S.422)

FOERSTE betrachtet dann die Bedeutung des Wortes Dorf in der altnordischen Dichtersprache und in der gotischen Bibel, wobei er von der Bedeutung 'Herde' für altfränkisches thorp ausgeht. Er kommt zu dem Schluß, "daß thorp im Westgermanischen einst neben 'Viehpferch' auch 'eingefriedigter Versammlungsplatz' bedeutet hat. Beide dürften aus einer Grundbedeutung 'umzäuntes Gelände' und letztlich 'Zaun' gewonnen worden sein" (S.425).

"Rodungssiedlungen auf grundherrlichem Boden"

Das Zwischenstück der Bedeutungsentwicklung zu 'geschlossene ländliche Gruppensiedlung' vermutet FOERSTE in einem siedlungsgeschichtlichen Prozeß:

Die planmäigen Siedlungen auf "staatlichem" Boden entlang der Slavengrenze werden schon aus Sicherheitsgründen in der Regel 'geschlossene Gruppensiedlungen' gewesen sein. Dies Bedeutungsmoment trat schon im Hochmittelalter im deutschen Sprachgebiet so stark in den Vordergrund, daß Dorf die gängige Bezeichnung für eine Rodungssiedlung mehrerer Bauern auf grundherrlichem Boden wurde. (S.432)

SCHüTZEICHEL (1977) kommt in seinem Aufsatz zu dem Ergebnis:

Altsächsisch thorp konnte mithin Gruppensiedlungen wie Einzelhöfe bezeichnen. [Und weiter:] .. in semantischer Hinsicht war die Opposition 'Einzelhof/Gruppensiedlung' hier vielleicht nicht relevant, wohl aber die Opposition 'eingefriedet/nicht eingefriedet'. (S.31){14}

Der Siedlungsnamentyp -dorf weist im Untersuchungsgebiet und -zeitraum sowohl personale (38 Namen) wie appellative (31 Namen) Bestimmungsglieder auf. Im Lauf der Untersuchungszeit dominieren dabei bis a. 1100 die appellativen Bestimmungswörter. Erst daran anschließend treten die mit Personennamen gebildeten SN in den Vordergrund{15}. Unter den appellativischen Bestimmungsgliedern fallen ahd. (h)ros 'Roß' und ahd. marah 'Mähre' auf, die beide doppelt belegt sind. Weiterhin treten nicht selten Bestimmungswörter auf, die auch als Differenzierungsglieder angesehen werden können: ahd. niuwi 'neu' (2 Namen) und ahd. obaro 'ober' (2 Namen), ahd. luzzil 'klein' und ahd. mihil 'groß'.

Massierungen im Amöneburger Becken

Unter den fraglichen Bestimmungsgliedern wurden hier auch die Vertreter des Bildungsmusters "Altendorf, Allendorf" eingeordnet. DEBUS (1966, S.18) geht fraglos davon aus, daß in diesen Fällen in aller Regel das Adjektiv vorliegt. Es kam allerdings in der vorliegenden Untersuchung darauf an, eindeutig zwischen proprialem und appellativem Erstglied zu trennen. Dies ist jedoch auf theoretischem Wege nicht möglich.

In der räumlichen Verbreitung der -dorf-Namen (Karte s.o.), die im gesamten deutschen Sprachraum nach Osten hin ständig dichter wird (DNK Bd.2, §§498, 561, 598.1.2, 682.3), zeigen sich auch in Hessen einige Besonderheiten{16}. Allein 15 -dorf-Namen liegen in der Westhessischen Senke. Weitere signifikante Massierungen sind im Amöneburger Becken, Gladenbacher Bergland, Marburg-Gießener Lahntal, Kellerwald und am Ostsauerländer Gebirgsrand festzustellen. Die appellativisch bestimmten Namen sind zusammenhängend in der westlichen Mitte und im Südwesten des Untersuchungsgebiets gelagert. In den übrigen Gebieten treten sie nur sporadisch auf.

Ersterwähnung von Namen auf -dorf bis zum Jahr 1200

 8. Jh9. Jh10. Jh11. Jh12. Jh
Anzahl 23 5 3 5 41
Wahrscheinlichkeit des Auftretens (Z-Wert) 2,3 -1,3 -1,3 -2,7 1,7

Die Analyse der Erstbelegdaten erweist die -dorf-Namen als einen frühen Typ, der wie oben erwähnt vorwiegend appellativ bestimmt ist. Besondere Produktivität entfaltet der Typ bereits im achten Jahrhundert, Ende des 11. Jahrhunderts tritt die Belegdichte stark zurück.

Alte und in der Überzahl appellativisch bestimmte -dorf-Namen verzeichnete bereits BACH (1927, S.216f) in seiner Arbeit über die Siedlungsnamen im Taunus. Er stellte die -dorf dieses Gebietes zeitlich in eine Reihe mit den älteren -hausen. Über die oben beschriebene zeitliche Differenz macht BACH keine Angaben, da im Taunus apellativische Namen im Verhältnis von 2/3 zu 1/3 gegenüber den personalen vorkommen. Der Befund dürfte mit dem verdichteten Vorkommen von -dorf im deutschen Osten zusammenhängen. BACH stellt zur Altersschichtung heraus, daß die -dorf im Durchschnitt niedriger liegen als die -hausen. Im Taunus ist bereits a. 900 fast die Hälfte aller -dorf belegt.

Es ist anscheinend bisher nicht möglich, ein einheitliches Bild über diesen Namentyp gerade auch im Hinblick auf seine zeitliche und räumliche Entfaltung zu gewinnen. Offenbar gilt weiterhin, was BACH (DNK Bd.2, §669.1.) beschrieb: Die -dorf sind überall und zu jeder Zeit vorhanden, aber zu gewissen Zeiten und in bestimmten Räumen zeigen sie starke Fruchtbarkeit.{17} Das hessische Material lät also für sich genommen kaum Schlüsse zu. Erst eine komplette Aufarbeitung des Typs könnte hier weiterhelfen.


{12} vgl. Namen auf -hausenNamen auf -heim, Namen auf -rode. (zurück zum Text)

{13} Walsdorf (zurück zum Text)

{14} Zum Thema -dorf als Namenwort gibt Schützeichel (S. 11ff) einen bibliographischen Überblick, insbesondere auch zum Themenkreis -dorf/-dorp.(zurück zum Text)

{15} vgl. Puchner (1961, S.827). Auch in Altbayern sind demnach die personal bestimmten -dorf die jüngsten. Puchner stellt sie als adelige Gründungen in das 8. bis 9. Jahrhundert. Ihnen gingen die appellativen -dorf voraus (ca. 600 - 750 n.Chr. laut Puchner). Eine Sondergruppe mit Hinweisen auf die Obstbaumkultur läßt Puchner gar als Zeugen romanisch-germanischer Kontinuität gelten.(zurück zum Text)

{16} vgl. Debus (1968, S.51). Er erkennt bei Frankenberg, im Amöneburger Gebiet und um Schönstadt -dorf-Orte, die sich kranzförmig um ältere Siedlungen legen. Darin seien sie den -hausen vergleichbar. Gezielte Siedlungstätigkeit des fränkischen Staates sei vermutlich der Hintergrund für diese Lagerung. Vgl. auch Gockel (1984a, S.188).(zurück zum Text)

{17} Vgl. HONBBay (Bd.5, S.115f); DNF (Bd.1, §49); Staab (1975, S.237).(zurück zum Text)