Keltisch, illyrisch oder germanisch?

Neben dem Grundwort -aha tritt bei Gewässernamen in alter Zeit bereits das Grundwort -apa, ahd. affa, auf. Dieses alte Wort hat die Namenforschung seit langer Zeit beschäftigt, eine endgültige Erklärung steht noch aus. Im wesentlichen standen sich drei Thesen über die Herkunft von -apa gegenüber: es sei keltisch, illyrisch oder germanisch. BACH läßt sie{1}} Revue passieren und merkt an: "Bedenklich bleibt an der kelt. Theorie, daß -apa in stets von Kelten bewohnten Gegenden unbekannt ist" (DNK Bd.2, §424.1).

Über POKORNYS Ansichten sagt BACH:

Nimmt man Entlehnung aus dem Illyrischen an, so wäre apa erst nach der Zeit ihrer [der Lautverschiebung d.V.] Wirksamkeit von den Germanen übernommen worden und ihr so entgangen." aber: "Auch die Tatsache, daß die -apa-Namen fast durchweg die kleinsten Flüsse und Bäche benennen, ist der Anknüpfung an das Illyrische nicht günstig. (DNK Bd.2, §424.2)

Beiden Thesen steht die Anknüpfung von -apa an das Germanische gegenüber, für die zuletzt insbesondere DITTMAIER mit einer Reihe von Aufsätzen eingetreten ist. Er ging davon aus, daß die -apa erscheinen, wo Germanen schon früh saßen oder erobert hatten. Mit der Ausbreitung des Frankenreichs nach Osten, so vermutete DITTMAIER, sei das Grundwort an Rhein und Main gelangt. Von besonderer Wichtigkeit für seine germanische These war DITTMAIER, daß gut 75 Prozent der -apa ein BW aufweisen, das mit germanischen Sprachmitteln zu erklären ist. Sein daran anknüpfender Versuch, -apa selbst als heimisch-germanisch zu erklären, fand BACHS Zustimmung indessen nicht. Er nannte ihn "allerdings gewunden" (DNK Bd.2, §424.3). Auch SCHWARZ äußerte sich kritisch zu der DITTMAIERSCHEN -apa-Herleitung (1943-52, S.222).

Wassernamen in "Kampfstellung"

DITTMAIER hat dann eine Monographie über die -apa-Namen vorgelegt (1955), die auf breitester Materialgrundlage den Namentypus näher beschreibt. BACH hat diese Arbeit, im großen und ganzen zustimmend, nachträglich seiner Namenkunde einverleibt (DNK Bd.2, §424.3).

DITTMAIER hatte darin auf die markante Grenze der - aha-Verbreitung an der hochdeutsch-niederdeutschen Sprachgrenze hingewiesen. Dies sei Ausdruck dafür, daß sich -aha im Zug der Sprachbewegung über -apa geschoben habe, welche diese Grenze erzeugte. Der Strahlungsherd für -aha liege offenbar im rheinfränkisch-alemannischen Raum. -apa sei von dieser Sprachbewegung gänzlich unberührt geblieben, habe also offenbar bereits vorher Bestand gehabt. Auch die Mischformen von -apa/- aha in den Belegen für hessische Namen sind DITTMAIER ein deutliches Zeichen für die "Kampfstellung" zwischen beiden (1955, S.73f). Hessen ist nur ein Teilbereich im Südosten des gesamten - apa- Verbreitungsgebietes.

Trotz des erheblichen Fortschritts in der Aufarbeitung der - apa-Frage bleiben Unklarheiten.BACH gibt die weiterbestehende Unsicherheit in bezug auf die Etymologie zu, indem er schreibt:

Wie man sich auch zu den [...] Deutungen von apa stellen mag - unerlälich bleibt die Annahme, daß das Wort im Sprachgebrauch der Germanen als Appellativ lebendig war, [..] (DNK Bd.2, §424.3)

Noch immer bleiben Fragen offen

"Im Augenblick scheint ein Endpunkt der Forschung erreicht zu sein, [..]" schreibt wenig später SCHWARZ (1956, S.9). Doch in seiner Auseinandersetzung mit DITTMAIER weist er auch auf Unklarheiten bei der Zuordnung von BW zum Germanischen hin:

Ist es aber notwendig, um das Nebeneinander von aha und apa im hessischen Raum zu erklären, auf die Istwäonenfrage zurückzugreifen? (SCHWARZ 1956, S.20)
[und:]
Von Süden her soll sich aha über apa geschoben haben. Aber die Stammeskunde lehrt, daß sich die Chatten nach dem Abzuge der Mainsweben südwärts bewegt haben. Die zweite Lautverschiebung und ihr Vorrücken nach dem Norden ist eine Sprachneuerung, die mit Stammesbewegungen nicht in Verbindung steht. [...] Auch beim Versuch, apa mit den Franken zusammenzubringen, wird Vorsicht anzuraten sein. (SCHWARZ 1956, S.21)

Abschließend räumt SCHWARZ jedoch ein, es sei "doch anscheinend die germanische Lösung in den Vordergrund gerückt" (SCHWARZ 1956, S.22).

Den Forschungsstand umreißt W.P.SCHMID (1968) mit folgenden Worten:
Die Zuweisung der ältesten apa-Namen in vorgermanische Zusammenhänge, sei es in einen nichtgermanischen Nord-West-Block durch H.KUHN, sei es in die alteuropäische Hydronymie durch H.KRAHE, ist seitdem jedoch gegenüber H.DITTMAIER stärker betont worden. (S.387)

SCHMID rechnet in diesem Aufsatz aus dem hessischen Bereich Asphe, Dautphe und Herfa zur alteuropäischen Hydronymie: "[..] die also noch sehr kleine Gewässer erfaßte" (S.392).

Ersterwähnung von Namen auf -apa bis zum Jahr 1200

8. Jh9. Jh10. Jh11. Jh12. Jh
Anzahl93146
Wahrscheinlichkeit
des Auftretens (Z-Wert)
2,30,2-0,6-0,2-1,1

Die Bedeutung des Grundwortes -apa ist mit 'Wasser, Fluß' zu beschreiben (DNK Bd.2, §183-187; REICHARDT 1973, S.331; W.P.SCHMID 1968, S.387-392). Insofern besteht also kein wesentlicher Bedeutungsunterschied zu -aha und -bach.

Während -apa im Untersuchungsmaterial gelegentlich das ursprüngliche Grundwort -aha ersetzt, taucht auch -aha einmal als zufällige Form für einen -apa-Namen auf. Interessant ist eine kontaminierte Form für Dautphe: "Dutoffahe". Ob dies nur eine Schreiberform ist, oder darauf hindeutet, daß älteres -apa nicht mehr verstanden und mit -aha verdeutlicht wurde, ist im Rahmen dieser Untersuchung nicht zu klären.

In drei Fällen ist -apa an einen älteren Flußnamen angetreten. Es sind die Flußnamen *Gherisa, Antara und Wetz. Unter den Bestimmungswörtern ist kein Personenname festzustellen.{2}} Je zweimal treten als Bestimmungsglieder ahd. bibar 'Biber' und ahd. *slior 'Schlamm, Lehm' auf.

Für ein höheres Alter der -apa-Namen gegenüber denen auf -aha spricht die signifikante Häufigkeit ihrer Erstbelege bereits im achten Jahrhundert. Bis a.800 sind neun der insgesamt 23 - apa-Namen erstmals belegt.

BACH schreibt:
-apa muß im 10./11. Jh. längst unverständlich und unfruchtbar gewesen sein. Das zeigt der Umstand, daß -apa-Namen nun gelegentlich durch -bach verdeutlicht werden, [..] (DNK Bd.2, §186)
[und:]
Es ist also nicht zu bezweifeln, daß -apa in der Zeit von 800-1200 in der Gegend noch stark produktiv war. Selbst wenn es kelt. oder illyr. Herkunft wäre, so sind die mit ihm geschaffenen Namen im Sauerland und im Bergischen Schöpfungen der dt. Zeit. (DNK Bd.2, §424.3)

Häufig im Gladbacher Bergland

DITTMAIER (1955, S.75) setzt die Zeit der Überschichtung von -apa durch -aha im hessischen Bereich analog zur Sprachgrenze auf 700 bis 900 n.Christus.{3}

Gewässernamen unseres Typs treten signifikant häufig im Gladenbacher Bergland und im östlichen Hintertaunus auf (Karte s.o.). Insgesamt gehen die -apa-Namen nicht über den Rheingau und die Wetterau nach Süden hinaus.{4}}


{1} Zur keltischen, illyrischen und germanischen Hypothese vgl. auch DNF (Bd.2, §26) und Dittmaier (1955, S.53-57). (zurück zum Text)

{2} "-apa verbindet sich niemals mit PN, [..]" (DNK Bd.2, §185). (zurück zum Text)

{3} Vgl. Gockel (1984a, S.186) und Debus (1967, S.111). (zurück zum Text)

{4} Vgl. die Karte und die Lagerung aller -apa-Namen in DNK (Bd.2, §424). (zurück zum Text)