6. Die zeitliche Schichtung des Materials

Ausgangspunkt der Untersuchung ist der Materialbestand. Daher gibt zunächst die folgende Tabelle eine Übersicht über die Häufigkeit der Belege für die einzelnen Namentypen vom achten bis zum zwölften Jahrhundert. Soweit keine Datierung innerhalb des Untersuchungszeitraums vorlag, sind die Belege unter "Dat(ierung)?" aufgeführt.

Beleghäufigkeiten nach Grundworttypen in Jahrhunderten

Jahrhundert: 8.Jh. 9.Jh. 10.Jh. 11.Jh. 12.Jh. Dat.?
aha 15 12 9 14 14
apa 9 3 1 4 6
bach 48 24 16 48 92 3
berg 2 2 2 13 38 2
brunnen 4 0 2 11 10
burg 6 3 2 5 19 1
dorf 23 5 3 5 41
feld 8 11 3 9 14
Genitive 2 11 12 28 49
hagen 0 2 0 5 17
hausen 22 30 35 66 142
  inghausen 0 1 2 5 17 
  sen 0 0 0 6 21 2
heim 70 22 7 19 30
  ingheim 2 1 2 1
  sem 0 0 0 0 2
ingen 14 5 2 8 6
ouwa 4 2 1 4 10
rode 2 5 5 20 69 1
stat 19 15 6 4 8
Sonstige* 108 61 46 101 178 6
Summe 358 215 156 376 784 17

* = Seltene und isolierte Siedlungsnamen

 

 

Diese Tabelle gibt sozusagen die Rohdaten der statistischen Untersuchung wieder. Sie ergibt sich aus der Deutung der bis 1200 belegten Siedlungsnamen auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Hessen und der damit verbundenen Gruppierung in Siedlungsnamentypen und vereinzelte Namen. Kleingruppen mit weniger als 1% Anteil an der Grundgesamtheit (1906) der belegten Namen (-ithi, -(h)lar, -mar etc.) wurden unter "seltene und isolierte Siedlungsnamen" gezählt, da deren geringe Zahlen keine verlässlichen Angaben ermöglichen.

Zur besseren Übersicht folgen für das achte bis zwölfte Jahrhundert nun einzelne Schaubilder (Seite 14-18). Sie geben die realen Zahlenverhältnisse zwischen typischen Siedlungsnamen untereinander sowie den übrigen Namen wieder.

Typische Siedlungsnamen im 8. JahrhundertTypische Siedlungsnamen im 9. JahrhundertTypische Siedlungsnamen im 10. JahrhundertTypische Siedlungsnamen im 11. JahrhundertTypische Siedlungsnamen im 12. Jahrhundert

Bisher haben wir die Zahlen lediglich wiedergegeben. Diese Form allein ermöglicht jedoch noch keine Aussage darüber, ob denn nun ein Typ besonders produktiv ist, oder einfach nur entsprechend seiner Gesamtpräsenz in den einzelnen Zeitabschnitten vertreten ist. Es ist daher erforderlich, die oben detailliert beschriebenen Methoden der erklärenden Statistik (Z-Werte, Wahrscheinlichkeitsrechnung) anzuwenden. Die Ergebnisse enthält die folgende Tabelle. Z-Werte gröer oder gleich |2| sind signifikant, niedrigere Werte brauchen nicht einmal eine Tendenz anzugeben.

Tabelle der Z-Werte (bezogen auf die Gesamtheit von 1906 Namen)

Jahrhundert:  8.Jh.  9.Jh.  10.Jh. 11.Jh. 12.Jh.
aha 0,9 1,8 1,7 0,4 -2,4
apa 2,3 0 -0,6 -0,3 -1,1
bach 0,7 -0,4 -0,7 0,4 -0,3
berg -2,8 -1,8 -1,3 0,4 2,8
brunnen -0,5 -1,8 -0,1 2,5 -0,3
burg -0,3 -0,5 -0,6 -0,8 1,1
dorf 2,3 -1,3 -1,3 -2,7 1,7
feld -0,2 2,7 -0,4 0 -1,1
Genitive -4,1 -0,2 1,3 1,8 1,1
hagen -2,1 -0,4 -1,4 0,1 2,3
hausen -4,9 -0,7 2,4 1,1 2
heim 8,3 1,4 -1,5 -2 -4,1
ingen 2,9 0,5 -0,5 0,4 -2,2
inghausen -2,2 -1,1 0 0 2,1
ingheim 0,6 0,2 1,9 -0,3 -1,1
ouwa 0 -0,2 -0,6 -0,1 0,5
rode -4 -2 -1,2 0 4,3
sen -2,4 -1,8 -1,6 0,1 2,6
stat 3 3,8 0,9 -2 -2,9

Da nur die Werte jenseits von |2| für die Analyse von Bedeutung sind, betrachten wir nun eine komplette Tabelle der in der statistischen Analyse errechneten Signifikanzen für die Namentypen vom achten bis zum zwölften Jahrhundert. Sie erweisen die Typen mit positiven Z-Werten als prägend für das betreffende Jahrhundert und belegen die Marginalität der Typen mit negativen Z-Werten in dieser Zeit.

Fassen wir die Ergebnisse zur zeitlichen Schichtung der Namentypen zusammen: Die errechneten Signifikanzen sind in ihrer spezifischen Gröenordnung für die weitere Darstellung weniger von Bedeutung, als von ihrer Qualität. Sind sie positiv, stehen sie für besondere Häufigkeit des betreffenden Namentyps, sind sie negativ, weisen sie auf ein bemerkenswertes Fehlen hin. Im folgenden Schaubild (siehe unten) sind daher die einzelnen Z-Werte nicht mehr wiedergegeben - es konzentriert sich auf die Darstellung der Produktivität bzw. Inproduktivität der Namentypen. Ausgerechnet die genitivischen Namen, die sich in der Fuldaer Gegend häufen, tauchen in der Signifikanzreihe nur einmal mit negativem Vorzeichen auf. Dies hat im wesentlichen damit zu tun, daß ein sehr hoher Prozentsatz dieser Namen aus den Eberhardischen Fälschungen der Fuldaer Überlieferung stammt, die auf die Mitte des zwölften Jahrhunderts datiert werden. Sie sind indessen nach allem Anschein ein verhältnismäig junger Typ - wohl nicht älter als die Namen auf -rode.{17}

Signifikante Namentypen

Z-Werte 8.Jahrhundert 9.Jahrhundert 10.Jahrhundert 11.Jahrhundert 12.Jahrhundert
über 8 heim
über 4 rode
3 bis 4 stat stat
2 bis 3 ingen
dorf
apa
feld hausen
ingheim
brunnen berg
sen
hagen
inghausen
hausen
-2 bis -3 hagen
inghausen
sen
berg
rode heim
stat
dorf
ingen
aha
stat
unter -4 rode
Genitive
hausen
heim

Das Schaubild (siehe oben) macht deutlich, daß das Ergebnis der statistischen Analyse nicht von dem abweicht, was natürlicherweise in diesem Zusammenhang zu erwarten ist: daß nämlich Produktivität und Inproduktivität der Namentypen sich entlang der Zeitachse nicht wahllos abwechseln, sondern nur einmal innerhalb des gesamten Zeitraumes.

Als entscheidendes Ergebnis der Untersuchung kann somit gesagt werden, daß eine statistisch nachweisbare Altersschichtung für die Produktivität typischer Siedlungsnamen im Untersuchungsgebiet vorliegt.

Diese Schichtung mündet in der wichtigen theoretischen Frage, wie überhaupt die Produktivität eines Namentyps definiert werden kann.

Die Argumentation muß zunächst davon ausgehen, daß ein Namentyp als eine besonders häufig auftretende Eigenschaft von Namen bestimmt ist. Bisher handelt es sich dabei um die Qualität des Grundwortes, der Ableitungssilbe oder des Genitivmorphems. Wenn nun eine solche Eigenschaft die Gruppierung ermöglicht, so ist es wahrscheinlich, darin die Auswirkung einer Namenbildungsregel zu sehen. Diese wird man folglich immer dann am Werke sehen, wenn ihre Produkte (Siedlungsnamen eines Typs) in einem Beobachtungszeitraum häufig erstmals belegt/benutzt werden.

Ebenso wie die Definition des Namentyps selbst, ist auch die der zugrundeliegenden Namenbildungsregel mit quantitativen Merkmalen zu beschreiben. In dieser Weise ging die typologische Namenforschung auch bisher immer vor. Aus unterschiedlichen Gründen ist es dabei jedoch nicht gelungen, die quantitativen Merkmale auch qualitativ exakt zu bewerten.

Die oben dargelegte Statistik hat indes gezeigt, daß eine Analyse der Beleghäufigkeiten in Abhängigkeit von der Zeit sehr wohl geeignet ist, solche konkreten Ergebnisse zu liefern. Es war zu prüfen, in welchen Zeitabschnitten ein Namentyp so häufig in den Quellen mit Erstbelegen auftritt, daß ein zufälliges Zustandekommen dieser Beobachtung mit großer Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden kann.


{17} Die genitivischen Namen sind ein Hinweis auf das Problem der Relativität der Statistik. Sie bestätigen, daß die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung im schlimmsten Fall lediglich spezielle Auswirkungen von bestimmten Bedingungen der Überlieferung sein können. Die großen Teile der Überlieferung sind die Fuldaer, die Lorscher, die Corveyer und die Hersfeldische. Für jede davon gelten besondere Bedingungen, die im Rahmen dieser Arbeit nicht näher zu durchleuchten waren. Sie hätten sinnvollerweise bereits geklärt werden müssen, als die Förstemann-Arbeitsstelle in Marburg ihre Tätigkeit aufnahm. Andererseits dürfte es zumindest unwahrscheinlich sein, daß die raumzeitliche Schichtung des gesamten Materials nur eine durch die Überlieferungslage erzeugte Fiktion ist. Dagegen spricht nicht zuletzt, daß mehrere Überlieferungen hier in einem Korpus zusammenkommen, so daß die Einzeleinflüsse sich vermutlich neutralisieren.