4.2. Die Deutungen

Ein beachtlicher Teil der hessischen Siedlungsnamen hat im Lauf der Forschungsgeschichte seit FöRSTEMANN (2.Aufl. 1913/16) und ARNOLD (2.Aufl. 1881) bereits Deutungen erfahren. Daher konnte sich die Untersuchung nicht selten auf diese Grundlagen stützen. In allen Fällen wurden jedoch die Deutungen einer gründlichen Überprüfung anhand der historischen Belege unterzogen, so daß auch häufig abweichende Ergebnisse zu verzeichnen sind{9}.

Wenn eine Deutung aus der Literatur übernommen wurde, ist dies im entsprechenden Namenartikel nachgewiesen. Dabei wurde nur die chronologisch erste Literaturstelle zitiert, wenn in der späteren Literatur lediglich dieselbe Deutung wiederholt wurde. Waren jedoch Differenzen vorhanden, wurden die entsprechenden Fundstellen angeführt. Dabei galt grundsätzlich das Prinzip, eine Namendeutung nur dann zu einem Ortsartikel zu stellen, wenn sie auch zweifelsfrei diesen speziellen Ort betraf.

Vergeblich wird man Deutungen aus der reichen Fülle der heimat- oder ortsgeschichtlich orientierten namenkundlichen Veröffentlichungen suchen. Es war im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, sie alle einer kritischen Durchsicht zu unterziehen.

Die Kontrollgruppe

Durch die Deutung aller Siedlungsnamen ergaben sich die Gruppen mit typischen Zweitgliedern und Suffixen. Die übrigen Namen bilden eine heterogene Gruppe unter dem Arbeitstitel "seltene und isolierte Siedlungsnamen", die als Kontrollgruppe für die Belegzeitstatistik und die räumliche Verbreitung der typischen Namen verwendet wurde.

Die Gruppe "seltene und isolierte Siedlungsnamen" enthält neben den vereinzelten und undurchsichtigen Namen auch jene Grundwortgruppen, deren Häufigkeit sich im Korpus unterhalb der Grenze von einem Prozent bewegt. Auch der Einteilung der Siedlungsnamen in diese Gruppe ging jeweils die Deutung voraus. Deren gesamte Ergebnisse sind jedoch nicht mehr in die Untersuchung eingearbeitet worden, da sie für die hier entwickelte typologische Fragestellung keine Rolle spielten.

Die "seltenen und isolierten Siedlungsnamen" sind jedoch in einigen Landschaften signifikant häufig, was zunächst nicht vorauszusehen war. Diese Teilmenge wurde deshalb mit Deutungen in Kurzfassung versehen und von den restlichen Namen heterogener Qualität abgesetzt.{10}

Die Wortbildung steht im Vordergrund

Nach Maßgabe der Untersuchung zielte die Deutung nicht auf eine möglichst vollständige Etymologie der Namen ab, sondern orientierte sich in erster Linie an der wortbildungsmäigen Beschreibung des Untersuchungsmaterials. Es kam darauf an, Zusammensetzungen, Ableitungen und Simplicia voneinander zu unterscheiden. Daneben tritt unter den Siedlungsnamen eine geringe Zahl von syntaktischen Namen auf - zumeist handelt es sich dabei um lateinische Ortsbezeichnungen. Ein kleiner Teil der Namen war indes wortbildungsmäig nicht zu durchschauen, was jedoch der typologischen Untersuchung nur geringfügigen Abbruch tat.

Ein weiterer Aspekt der Deutung war der Anspruch, die Bestimmungsglieder der Zusammensetzungen und Stammwörter der Ableitungen als Proprium oder Appellativum zu erkennen. Insbesondere ging es dabei darum, Personennamen von appellativischen Bezeichnungen zu unterscheiden. Dies hängt mit den Fragen der Typologie zusammen und bezieht sich auf die in der Regel besitzanzeigende Funktion von Personennamen in Siedlungsnamen. Wenn hingegen Fluß- oder Stammesnamen als Erstglied auftraten, wurden sie als "nicht Personennamen" stillschweigend unter den Appellativa gezählt.

Nun lät sich sicherlich darüber streiten, ob etwa das Bestimmungswort 'Bischof' Besitz anzeigt oder nicht. Sicher ist aber, daß ein Personenname im Genitiv vorrangig possessivisch zu verstehen ist. Die Funktion des appellativischen Bestimmungsgliedes ist demgegenüber aus sprachinhaltlichen Gründen zumindest als vom personalen Prinzip der Ortsnamengebung deutlich abgesetzt zu begreifen. Zusammengenommen mit dem empirischen Befund der weit überwiegenden personalen Bestimmtheit der typischen Siedlungsnamen erschien deshalb die Unterscheidung Personenname vs. Appellativ (im Sinne von 'nicht Personenname') sinnvoll (DEBUS 1967; FLEISCHER 1964).

Bei einer Reihe von Siedlungsnamen war unter dieser Prämisse die Wortqualität des Bestimmungsgliedes aus einem der folgenden Gründe nicht eindeutig zu klären:

1. Weil sowohl ein Appellativ wie ein Personenname (PN "Aldo" versus Adj. "alt") für die Deutung in Frage kam.

2. Weil der Beleg an kein ahd. oder mhd. Wort anzuschließen war.

3. Weil kein sprachlich geeigneter Personenname belegt oder klar zu erschliessen war.

Diese Fälle führten zur Einordnung der Qualität des Bestimmungsgliedes als "fraglich" oder "ungeklärt".


{9} Für Rat und Hilfe bei der Deutung der Belege bin ich Prof. Dr. Hans Ramge zu Dank verpflichtet.

{10} vgl. Kapitel B 3. dieser Arbeit.