2. Ziele der Untersuchung

An Untersuchungen zur hessischen Namenlandschaft fehlt es also nicht. Dennoch, und das bezeugen nicht zuletzt die immer wieder unternommenen Anläufe, blieb eine namengeographische Gesamtdarstellung ein Desiderat der Forschung. Sie kann als Beitrag zu einem Namenatlas (GöSCHEL 1965) verstanden werden.

Hätte auch die Neubearbeitung des Altdeutschen Namenbuches von E. FöRSTEMANN (SCHüTZEICHEL 1970), wäre ihr ein Erscheinen beschieden gewesen, die Belege und ihre Deutungen vereint und dargeboten, so hätte dennoch eine statistisch-typologische und kartographische Bearbeitung gefehlt. Außerdem wäre der hessische Anteil an den althochdeutschen Ortsnamen durch die vorgesehene alphabetische Darstellung nur schwer zu überblicken gewesen.

Andererseits wäre der Versuch, eine hessische Siedlungsnamengeographie zu entwickeln, ohne eine breite Materialgrundlage undenkbar gewesen. Es bot sich deshalb an, auf das bereits für die Förstemann-Neubearbeitung gesammelte Material zurückzugreifen und gleichzeitig den Berichtszeitraum auf die Zeit zwischen 700 und 1200 nach Christus einzuschränken. Wie aus der Grundkarte (Nr.1) hervorgeht, ist um das Jahr 1200 bereits ein derart großer Teil der hessischen Siedlungsnamen urkundlich bezeugt, daß eine namengeographische Studie über genügend aufschlußreiches Material verfügt.

Übergreifende Sichtweise

Dieses, verbunden mit handfesten, aber nicht bis in alle Einzelheiten insbesondere lautlicher und graphematischer Art ausgeführten Deutungen, bietet die vorliegende Arbeit. Prof. Dr. RAMGE (Gießen) war so freundlich, mir insbesondere bei der sprachlichen Deutung der fast 2000 Siedlungsnamen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

Es kann nicht darüber hinweggegangen werden, daß für jeden einzelnen Namentyp, im Falle der isolierten und seltenen Namen sogar für jedes einzelne Proprium, Spezialdarstellungen vorliegen oder wünschenswert sind. Sie lassen sich durch eine Untersuchung wie die vorliegende nicht ersetzen. Andererseits ist die übergreifende Sichtweise auf einen wichtigen Aspekt in der Herausbildung unserer heutigen sprachlichen Umwelt - der Siedlungsnamenlandschaft - notwendig, um der Komplexität des Gegenstandes näher zu kommen.

Verteilung der Namen in Raum und Zeit

Die vorliegende Arbeit hat sich daher zum Ziel gesetzt, eine vollständige Übersicht über die Siedlungsnamen auf dem Gebiet des heutigen Landes Hessen zu geben, die bis 1200 n.Chr. urkundlich belegt sind. Dazu zählen also auch jene Orte, die inzwischen wüstgefallen sind. Die Übersicht erstreckt sich dabei sowohl auf Teilbereiche der sprachlichen Form als auch auf die geographische Lage der belegten Siedlungen.

Da der inhaltliche Schwerpunkt der Untersuchung nicht auf den Deutungen der Namen liegt, sondern der Verteilung typischer Siedlungsnamen in Raum und Zeit gilt, sind die Namenartikel nicht als alphabetisches Namenbuch angelegt, sondern folgen einer typologischen Einteilung. Dabei sind zunächst die typischen Kulturnamen (mit den Insassennamen){3}, anschließend die typischen Naturnamen und zum Schluß jene Siedlungsnamen dargestellt, deren Anteil in der urkundlichen Überlieferung bis 1200 n.Chr. Gruppen von weniger als einem Prozent aller Siedlungsnamen ausmacht. Hier finden sich die Namen auf -(h)lar und -ithi, -mari und - ahi, die seit ARNOLD immer wieder zur Kennzeichnung ursprünglicher chattisch/hessischer Stammessitze herhalten mußten. Sie bleiben aufgrund des gewählten statistisch- geographischen Ansatzes ebenso am Rande der Untersuchung wie jene isolierten und dunklen Namen, denen allgemein hohes Alter zuerkannt worden ist. Allerdings dient dieser Teil des Gesamtnamenschatzes (immerhin rund 25 Prozent) als Kontrollgruppe für die statistischen Untersuchungen zu Überlieferungszeit und räumlichen Verbreitung.{4}

Nachschlagewerk

Darüber hinaus stellt diese Namensammlung als vorläufiger Ersatz des hessischen Teils des Altdeutschen Namenbuches auch ein für mancherlei Zwecke nützliches Nachschlagewerk dar. Damit diese Funktion nicht zu kurz kommt, ist ein Register angefügt, das die behandelten Namen sowie die Bestimmungsglieder in alphabetischer Folge nachweist.

Das vornehmste Ziel der Untersuchung ist jedoch die Namentypologie. Die für Hessen aus statistischen Gründen relevanten Namentypen werden sowohl in bezug auf ihre zeitliche Einordnung wie auf ihre räumliche Entfaltung sytematisch vorgestellt. Die Grundlagen für die Geographie der Siedlungsnamen Hessens liegen somit in zahlreichen Karten komplett vor.

Untersuchung der Erstbelegzeiten

Neben der geographischen Staffelung hat sich die Forschung immer auch um die zeitliche Einordnung der Namentypen bemüht. Die vorliegende Untersuchung hat sich unter den vielfältigen Möglichkeiten der Altersbestimmung, die bisher in der Literatur beschrieben worden sind (DNK Bd.2, §§465-476), einer gewidmet. Diese allerdings wurde mit Konsequenz ausgeführt. Es handelt sich dabei um die Betrachtung der Erstbelegzeiten. Sie bietet, unter entsprechenden methodischen Voraussetzungen, durchaus die Möglichkeit zu einer relativen Chronologie der typischen Siedlungsnamen.


{3} Zur Begrifflichkeit vgl. DNK (Bd.2, § 1).

{4} vgl. Kapitel B 3. dieser Arbeit.