1. Forschungsgeschichte

Die Anfänge der wissenschaftlichen Beschäftigung mit den Ortsnamen Hessens gehen bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück (VILMAR 1837; CURTZE 1847-50; WEIGAND 1853){1}. Von weitreichender Bedeutung nicht nur für Hessen sollte dann ARNOLDS Werk über die Ansiedlungen und Wanderungen deutscher Stämme werden (2.Aufl. 1881). Sein Ansatz, einzelnen germanischen Stämmen einzelne Grundwörter zuzuschreiben und auf diese Weise Aufschluß über deren Verbreitung zu erlangen, hat sich aufs Ganze gesehen nicht aufrecht erhalten lassen (DNK). Dennoch zweifelt heute kaum jemand mehr an dem engen Zusammenhang zwischen den -heim-Namen und dem fränkischen Landesausbau (SCHUH 1980), allerdings sind in der Zwischenzeit eine Vielzahl an Erklärungsmustern gewonnen worden, die ARNOLDS These weit hinter sich lassen.

Entscheidend war indes der Impuls, den der Marburger Rechtshistoriker mit seinen Vorstellungen ausgelöst hatte. Immer wieder wandten sich sowohl Germanisten als auch Historiker, Volkskundler und Geographen den Ortsnamen zu, um sie zur Klärung insbesondere jenes Teils der Besiedlungsgeschichte zu verwenden, der zwischen dem Abzug der Römer und der Karolingerzeit in Hessen liegt. Der Quellenwert der typischen{2} Siedlungsnamen ist dabei je nach Forschungsinteresse durchaus unterschiedlich angesetzt worden.

Bach setzt Meilenstein

Einen neuen Ansatz für die Kunde von den hessischen Siedlungs- und sonstigen Ortsnamen schuf Adolf BACH mit seiner 1927 erschienenen Monographie über Die Siedlungsnamen des Taunusgebietes. Wenn es auch hier noch im Titel heißt in ihrer Bedeutung für die Siedlungsgeschichte, so hatte BACH damit doch bereits Neuland betreten in Richtung auf eine in sich geschlossene sprachwissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Namen. Seine kartographische und statistische Aufbereitung des Materials in ihrer Verbindung mit Fakten und Einsichten aus Geographie und Geschichte bildet einen Meilenstein der deutschen Namenkunde.

In seinem Handbuch zur Namenkunde schrieb BACH später: "Ich [...] muß mit allem Nachdruck betonen, daß die etymologischen Fragen nur Teilprobleme der ON-Kunde sind und die Fragen der Siedlungsgeschichte und Kulturbodenforschung überhaupt außerhalb ihres eigentlichen Rahmens stehen. Dem Historiker oder Geographen sind die ON nur Hilfsmittel zur Lösung der sie beschäftigenden Probleme. Der Philologe aber will sie ohne Nebenzweck, also an sich, als sprachliche Gebilde begreifen in allen ihren Belangen" (DNK, Bd.2, §14, S.16).

Breites Panorama der hessischen Ortsnamen

Inzwischen hatte in Hessen insbesondere Edward SCHRÖDER von der Quellenkunde (1899) bis hin zu vielen Vorträgen vor Geschichtsvereinen ein breites Panorama der hessischen Ortsnamen gezeichnet (2.Aufl. 1944). Allerdings war der Gelehrte eine systematische Behandlung der hessischen Namenlandschaft schuldig geblieben.

Kurz nach dem zweiten Weltkrieg erschien die kurzgefaßte Gesamtdarstellung zur Namenkunde von Ernst SCHWARZ (DNF), die sich nicht explizit mit Fragen der Namenkunde in Hessen beschäftigt. Bereits wenige Jahre später legte BACH sein bereits erwähntes Handbuch (DNK) vor, das neben den allgemeinen auch die spezifisch hessischen Probleme der Namenforschung thematisierte.

Weiteres fügten dem anschließend Friedhelm DEBUS (1966 und 1968), Werner METZLER (1966), Hans RAMGE (2.Aufl. 1979) und Lutz REICHARDT (1973) hinzu. DEBUS zeichnete außerdem verantwortlich für die beiden Karten der Siedlungsnamentypen in Hessen, die dem Geschichtlichen Atlas von Hessen (Karten 28a-b) beigegeben wurden. Michael GOCKEL (1984a) verfaßte dazu einen kurzen Kommentar. Diese Karten haben jedoch bis heute den Nachteil, keinen Nachweis über die darauf verzeichneten Orte zu enthalten.

Archiv der hessischen Flurnamen

Mit dem Hessischen Flurnamenarchiv in Gießen unter Leitung von Hans RAMGE hat sich gegenwärtig in Hessen die Namenforschung insbesondere dem Arbeitsgebiet Flurnamen zugewandt, deren kartographische und dialektgeographische Auswertung nach ersten Veröffentlichungen reiche Früchte verspricht (RAMGE 1983; RAMGE 1985; Hessischer Flurnamenatlas. Hg.H.RAMGE; DEBUS u. RAMGE 1987).

Aus den Reihen der Historiker hat für Hessen zuletzt Jürgen STEEN (1979) Ortsnamen als Geschichtsquelle herangezogen, für die Art seines Vorgehens allerdings sowohl von der Germanistik (METZNER 1984) als auch von der Geschichtswissenschaft (GOCKEL 1984b) heftige Kritik einstecken müssen. Seine Untersuchung folgt einem Ansatz, der in zunehmendem Maße Einzug in die namenkundliche (PUCHNER 1962/64; STURM) und historische (GOCKEL 1976) Forschung gehalten hat. Man will dabei feststellen, ob die Träger jener Personennamen herauszufinden sind, die als Bestimmungsglieder von Ortsnamen mit typischen Zweitgliedern dienen. Im Einzelnen ist dies gelungen - eine systematische Darstellung liegt für Hessen bisher noch nicht dazu vor. Die historische Personenforschung kann sich übrigens inzwischen auf ein umfangreiches Werk zur Fuldaer Überlieferung stützen (Fulda Werk; GEUENICH 1976).


{1} Weitere Literatur verzeichnet Dingeldein (1981).

{2} Zum Begriff vgl. DNK (Bd.2, §§576ff).